02.09.2026

Ein erzählter Abend mit großen Stimmen: „...bis das Leben beginnt“

Das hatte unser Herzsaal noch nie erlebt: „ausgebucht“ mussten wir schweren Herzens kundtun. Jeder, wirklich jeder Platz war belegt – rund 90 Besucherinnen und Besucher, einige unserer Gäste und ihre An- und Zugehörigen waren unserer Einladung zur Lesung mit der Schauspielerin Katharina Marie Schubert und dem Schauspieler Bjarne Mädel gefolgt.

„Das Sterben gehört für alle zum Leben dazu. Aber es wird immer ausgesperrt. Vor 1.000 Leuten zu lesen, ist fast abstrakt, das ist auf eine Art leichter. Hier entsteht so eine Nähe.“
Bjarne Mädel

Derzeit stehen die beiden gemeinsam vor der Kamera für den zweiten Teil des TV-Films „Prange“, einer Geschichte über den „Nachbarn von nebenan“ (gespielt von Bjarne), der sich in seine Paketbotin (gespielt von Katharina) verliebt, vor der Kulisse Hamburg-Barmbeks und garniert mit viel Sozialkolorit.

Für die Gäste dieses Sommerabends wollten sie etwas von Anton Tschechow lesen. „Er schreibt Texte über das Leben und über das Innehalten über das eigene Leben. Über das Durchhalten bis zum Ende. Über das Warten, bis das Leben beginnt“, antwortet Katharina auf die Frage, warum sie beide sich Texte von Tschechow ausgesucht haben. „Ich sehe sie als eine Aufforderung, das Leben zu genießen“, ergänzt sie.

Mucksmäuschenstill ist es, als Katharina anfängt, aus „Die Dame mit dem Hündchen“ vorzulesen. Das Bade- und Kurleben der russischen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts in Jalta auf der Krim ist die Bühne seiner Liebesgeschichte, die der Protagonist erzählt. Die Begegnung mit der Erzählfigur – Anna – wird Dreh- und Angelpunkt von Tschechows Selbstreflexion und vielleicht auch Projektionsfläche aller seiner Sehnsüchte.

Es bleibt still, es bleibt gespannt und dann ist es wieder entspannt im Herzsaal, das Timbre der heutigen Stimmung und der Stimmen der Vorlesenden ist ganz klar heiter. Mit funkelndem Augenzwinkern und dem Publikum ohne Unterbrechung zugewandt liest Katharina weiter.
Alle hoffen auf ein gutes Ende der Geschichte. Die Spannung ist auf dem Höhepunkt oder scheint noch einmal zu steigen.

Jedenfalls werden die beiden Protagonisten sich wiedersehen, soviel steht fest.

Bettina Orlando sieht schnell nach, wann Tschechow gelebt hat. „Kaum zu glauben, dass seine Texte 150 Jahre alt sind, so zeitgemäß, wie die sind!“

Dann liest Bjarne aus „Ein Scherz“. Vom Hochsommer werden die Zuhörer*innen nun in den Winter entführt. In der Erzählung überredet der Ich-Erzähler eine junge Frau, mit ihm auf einem Schlitten einen schneebedeckten Abhang hinunterzurodeln. Vom Fahrtwind übertönt, haucht der Mann: „Ich liebe Sie, Nadja.“ Sie, tief berührt, zweifelt dann doch, ob sie den Satz wirklich gehört habe, als sie vom Schlitten absteigt.
Bjarne ist ganz eins mit dem Erzähler, der die Erinnerung des schlittenfahrenden Fräuleins charmant manipuliert – oder ist das unsere Wahrnehmung als Zuhörer*innen an diesem Abend, die auch nicht ganz ohne Beeinflussung bleibt ob der kunstvollen Intonation der Gedankenwelt des Schlittenlenkers? Schlussendlich bleibt offen, was dieser fühlte und meinte. Eindeutig wahrnehmbar sind Witz und Charme, die nicht nur dem Text entspringen, sondern insbesondere der verschmitzten, subtil humorvollen Art des Schauspielers Bjarne Mädel.
Doch mit den Tschechow-Texten wird dieser Abend nicht beschlossen. Das Publikum fordert „Zugabe!“ und Bjarne legt eine drauf: Er liest aus „Bin nebenan: Monologe für zuhause“ von Ingrid Lausund, die auch die Drehbücher für die Serie „Der Tatortreiniger“ geschrieben hat. Darin geht es um die satirisch dargestellten Überlegungen des Hauptcharakters, der im Möbelhaus überlegt, ob er das begehrte „Leander“-Sofa kaufen oder lieber davon ablassen sollte, zumal ihm die individuelle Note fehlt.

Der Applaus für Bjarne und Katharina lässt nicht auf sich warten. Alle sind bis zum Schluss „ganz Ohr“ geblieben.
Doch der Schluss der Lesung ist niemals das Ende des Abends: Zu Käse-Spießen und Brezeln gibt es Moselwein und kalte Getränke. Und eine Signierstunde – mit speziellen Grüßen für unsere Gäste, auch diejenigen, die im Herzsaal heute Abend nicht dabei sein konnten.

Wir freuen uns über das Resümee des Hamburger Abendblatts, dem wir nichts hinzuzufügen haben: „Beim Abschied sieht man viele fröhliche Gesichter. Zwei Schauspielende mit hoher Kunstfertigkeit und viel Herz, das ist genau die richtige Mischung für einen solchen Abend an einem solchen Ort.“

„Anton Tschechow schreibt Texte über das Leben und über das Innehalten über das eigene Leben. Ich sehe sie als eine Aufforderung, das Leben zu genießen.“
Katharina Marie Schubert

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