Früher war alles anders
Eine Lesung, die im wahrsten Sinne „außerhalb der Reihe“ war: Wir freuen uns, dass Frank Jöricke bei uns aus seinem vierten Buch mit dem schönen Untertitel „Von Dr. Sommer bis Sonntagsbraten – eine Reise zurück in eine wilde Zeit“ gelesen hat.
Mit dem Satz „Dieses Buch sollte es eigentlich nicht geben!“ beginnt die Abendveranstaltung. Die rund 50 Besucher*innen sind gespannt auf die Erklärung. Diese lässt nicht auf sich warten: Eigentlich sollte er eine zwölfteilige Kolumne für die Zeitung aus seiner Heimat, den „Trierischen Volksfreund“ schreiben. „Der Titel der Zeitung kommt übrigens aus der Französischen Revolution „L’ami du peuple“ (deutsch: der Freund des Volkes)“, erzählt er mit einem Augenzwinkern.
„Nach den ersten vier Folgen erhielt ich Fanpost – die erste Zuschrift kam von einer 91-Jährigen.“ So wurden aus der zwölfteiligen Serie 60 Teile, und daraus ist das Buch geworden.
Frank Jöricke, der seinen Beruf oder seine Berufung selbst als Werbetexter, „bad taste-DJ“ und Essayist benennt, bringt seine Zuhörer*innen an diesem Abend gefühlt nonstop zum Schmunzeln. Teilweise ist ein lautes Lachen nicht zu unterdrücken. Und das ist gut so.
Bettina Orlando gibt Frank mit einem passenden Bild die Bühne frei: „Nostalgie wird, wenn man sie teilt, oft heiter. Erinnerungen gehören zum Leben – das ist auch das, was uns als Gemeinschaft ausmacht – daher gehören sie und das Lachen definitiv ins Hospiz!“
Das erste Thema an diesem Abend: „Ehe und Scheidung“: Wer bisher noch nicht wusste, was es mit „Pralinenbräuten“ auf sich hat, weiß es seit dieser Lesung: „Man hatte es eilig mit der Ehe und auch mit dem Kinderkriegen, und so gab es einige ‚Pralinenbräute’: Frauen, die schwanger heirateten.“
Jedes der Kapitel seines Buches schließt Frank mit einem pointierten Satz (der dann noch einmal für ein herzhaftes Lachen bei den Zuhörer*innen sorgt):
„Die Ehe meiner Großeltern währte übrigens 60 Jahre. Ich denke, sie führten eine gute WG.“
Zwischendurch eingestreutes Wissenswertes und Erkenntnisse aus seinen gründlichen Recherchen garnieren das Gelesene, so etwa zum Aspekt der zeitlichen Verschiebung der Lebensläufe: „Was viele heute erst mit 35 bis 40 durchleben, absolvierten die früheren Jahrgänge mit Anfang 20.“
So einiges Lachen erfüllt den voll besetzten Herzsaal. Eine lustig-trubelige Stimmung macht sich breit.
Nächstes Thema: „Telefonieren“: „...mit Privatsphäre war es beim Telefonieren ohnehin nicht weit her. In vielen Haushalten befand sich der Apparat auf einer Anrichte in der Diele. So konnte man ihn von allen Räumen aus bequem erreichen – und so konnte man vor allem von jedem Raum aus mithören. Zu allem Übel war das Telefonkabel nie lang genug, um in eines dieser Zimmer zu flüchten.“
Das Kulinarische fehlt an diesem Abend natürlich auch nicht – weder im Herzsaal noch in Franks Erzählungen. Die auf Melonenhälften gespickten Käseigel haben unsere FSJ-ler*innen liebevoll gebaut. Doch bevor davon gekostet werden darf, assoziiert Frank noch die nächste Geschichte: „Der Käseigel war an einem Ort sehr wichtig, nämlich im Partykeller.“
Er erinnert sich und uns an Erdnüsse aus dem Drehspender und das „süße Leben“, das Italien brachte – mit Eis, das nicht mehr nur „Fürst Pückler“ hieß und nach Reisen in südliche Gefilde schmeckte, die sich nicht jeder leisten konnte. So war ein Stück Italien eben zu uns gekommen.
Nun aber: Pause, Halbzeit, die Stimme zum weiteren Lesen und Lachen ölen. Gesagt, getan, denn Michael Schmitt bietet seinen leckeren Moselwein dieses Mal – ganz entgegen der Gewohnheit der Jahrzehnte, über die Frank Jöricke erzählt – auch alkoholfrei an...
Das Ende der Pause läutet Frank ein: „Wir gehen jetzt in die Tanzschule!“
Mit einer guten Portion Selbstironie geht es weiter, auch „sollen die Leute bei meinen Lesungen etwas lernen.“ Wir lernen: „Empörungsgewitter“ heißt heute „shitstorm“.
Wir lernen auch, dass Roy Black im wirklichen Leben Gerhard Höllerich hieß. Damit sind wir beim nächsten großen Thema: dem Schlager. Groß und wichtig auch deshalb, da Frank sich als Kenner dieser Szene in ebendieser zuhause fühlt. Das Zuhause-Gefühl ist wohl vielen bekannt. Alle Anwesenden scheinen sich zu erinnern, denn gleich stimmen sie ein und summen mit, als Frank selbst anfängt Peter Kraus’ „Heute Abend gibt es Mondschein“ zu singen. „1968 preschte Peter Alexander vor wie ‚der Tiger‘ (Tom Jones) selbst mit ‚Ich lad Dich ein und Du sagst Yes‘.“
Eine Pointe reiht sich an die nächste.
Seine Begegnung mit Guildo Horn war prägend – in beide Richtungen. Schließlich ist Guildo Horn erst durch Franks Zutun berühmt geworden:
„Guildo Horn, der auch Trierer ist und eigentlich Horst Köhler heißt, war damals Schlagzeuger in einer Rockabilly-Band. Als ich erfuhr, dass er gelegentlich auch Schlager singt, war klar, dass ich ihn treffen müsse. So vereinbarten wir ein Gespräch, ich hatte vor, einen Beitrag für ein Stadtmagazin zu schreiben. Diese Dreiviertelstunde, die wir sprachen, war für mich wie für andere eine Marienerscheinung. Sein erstes Lied war 1991 ‚Tränen lügen nicht’ – ich fühlte mich zurückversetzt in die 70er.“
Müde werden gibt es nicht an diesem Abend – Franks unterhaltsame Erzählungen halten wach und den Spannungsbogen.
„Nur das zählte bei der Single: Sie musste knallen! Die Synapsen mussten verrückt spielen!“ Aber auch ein paar ernstere Themen wie die Grenzen der 68er-Befreiungsbewegung gehören zur Geschichte, die Frank an diesem Abend erzählt: So durfte Bernd Clüver sein Lied „Mike und sein Freund“, das Homosexualität zum Thema hat, seinerzeit nicht öffentlich spielen.
Eins geht noch, und noch ein Kapitel. Vor der Zugabe geht es um: „Zigaretten – als Kippen den Liebespfad teerten“. Wer hätte gewusst, dass im Jahr 1950 90 von 100 Männern geraucht haben, bei den Frauen waren es nur 20. 1972 definierte der damalige Finanzminister Helmut Schmidt, was Geldentwertung bedeutet: „Inflation ist, wenn die Schachtel Zigaretten fünf Mark kostet“, zitiert Frank schmunzelnd.
Franks virtuose Formulierungen werden deutlich, als das Publikum um wiederholtes Vorlesen folgenden Absatzes bittet: „Auch zwischen den Geschlechtern vermochte die Zigarette Großes zu leisten. Viele Menschen sind leider schüchtern bis zur Selbstlähmung. Sie verzweifeln über der Frage, wie man das Polarmeer zum Objekt der Begierde durchqueren könnte. Oft wird der erste Satz, der das Eis brechen würde, nie ausgesprochen. Raucher haben es in dieser Hinsicht einfacher. Aus der beiläufigen Frage ‚Haste mal ’ne Kippe?‘ entwickelte sich nicht selten eine Beziehung mit Feuer.“
Eigentlich habe er diesen Text am Anfang lesen wollen: „Ach natürlich, ich bin spät dran. Das ist eigentlich ein Text, den ich am Anfang lese.“ Macht nichts. Wir hören gebannt zu, egal, welches Thema als Nächstes kommt.
Schade nur, dass der Abend zu Ende geht. Doch eine Zugabe geht noch, nachdem die Geschichte von Cindy und Bert erzählt ist.
„Hamburg macht Spaß! Ich komm’ wieder.“
Danke, lieber Frank, wir nehmen dich beim Wort!
Über Frank Jöricke
Frank Jöricke, geboren 1967, ist Werbetexter und regelmäßiger Autor für den »Playboy«, »Die Welt«, »Neues Deutschland«, »Trierischer Volksfreund«, »Cicero«, »Junge Welt« und »Freitag«. Er ist außerdem Autor dreier Bücher, darunter der Bestseller-Roman »Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage«.
Link zum Buch:
www.m-vg.de/autor/11273-frank-joericke/