04.03.2026

Von Glaubenssätzen und Gefühlserbschaften

Zum Auftakt unserer Reihe „Was uns bewegt“ schenkte uns der Coach und Podcaster Sven Rohde faszinierende Einblicke.

Jeder meldet sich. Mindestens bei einem der Glaubenssätze, die Sven Rohde aus seinem Buch „Gefühlserben. Die geheime Macht und Kraft unserer Herkunft“ vorliest. Die rund 45 Zuschauer*innen kennen sie aus ihrer Kindheit und Jugend. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ „Der Teller wird leer gegessen!“ „Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ „Krank sein, heißt faul sein.“

Finden Sie sich wieder? In Sätzen wie diesen ist eine Haltung verborgen, die in früheren Zeiten für unsere Vorfahren in ihren Lebenskontexten entweder sinnvoll war oder die die früheren gesellschaftlichen Normen spiegelt. Auch wenn sie für uns, für unsere Beziehungen, für unsere Gesellschaft nicht mehr hilfreich sind oder eigentlich überwunden scheinen – sie prägen unser Handeln, unser Erleben und unsere Gefühle bis heute. Doch wir können uns mit ihnen auseinandersetzen und uns von Doktrinen befreien, die nur noch überflüssiger, lähmender, beschränkender Ballast sind.

Vererbung über Generationen – bewusst und unbewusst

Die Glaubenssätze haben auf unterschiedliche Weise – bewusst und unbewusst – Einzug in unser Denken und Fühlen gehalten. Wir haben sie als wiederholt gehörte Phrasen übernommen. Oder aus dem Verhalten unserer Eltern, Vorbilder und Freund*innen (Sozialisation). Oder über die gelebten Normen einer Gesellschaft (Prägung durch das Kollektiv).
Eine weitere Form der Weitergabe von Gefühlserben dürfte unbekannter sein: die Epigenetik. „Dieses junge Forschungsgebiet zeigt vererbbare Veränderungen der Genaktivitäten auf“, erklärt Sven Rohde. „Dabei verändert sich nicht die DNA-Sequenz, sondern die chemischen Markierungen auf der DNA, die steuern, ob ein Gen aktiv ist oder nicht.“ Die DNA ist also sozusagen das Buch, die Epigenetik beschäftigt sich mit den Post-its, die vorgeben: „Kapitel lesen“ oder „überspringen“.

Durch traumatische Kriegserlebnisse können beispiels-weise Gene für Stressregulation, Angstverarbeitung, Bindung und Empathie überaktiv oder abgeschaltet werden, was starken Einfluss auf das künftige Verhalten und Gefühlsleben hat. So können ein hieraus resultierendes empfindliches oder gedämpftes Stresssystem, emotionale Distanz und Gefühlskälte an die nächste Generation weitergegeben werden.

Die Macht von Familiengeheimnissen

Gemäß Sven Rohde prägen die Erlebnisse Gefühle und Verhaltensmuster am stärksten, die nie verbalisiert wurden, die ihren Ursprung in totgeschwiegenen Traumata haben, in Familiengeheimnissen: „Je weniger die Nachgeborenen wissen, umso stärker werden sie bestimmt.“ Ihr Handeln fühlt sich dann ferngesteuert an, Gefühle können sich abgekoppelt und fremd anfühlen. „Es sind die abgewehrten Emotionen, die von einer Generation zur nächsten übertragen werden. So wird beispielsweise eine Trauer, die nicht ausgelebt wurde, die steckengeblieben ist, zum Gefühlserbe“, sagt Sven Rohde. „So wie die Ohnmacht angesichts einer überwältigenden Erfahrung. Beides wird zur Last für die Nachkommen. Zentrale Bereiche der Persönlichkeit können einfrieren, die Beziehungsfähigkeit erstarrt.“

Angesichts traumatischer Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs lernten viele, dass für Trauer und Verarbeitung weder Kraft noch Zeit vorhanden waren. Überwältigende Gefühle, die sie handlungsunfähig gemacht hätten, wurden abgespalten. Der Notfallmodus gab der Trauer keinen Raum. „Tapfer sein“ lautete die Devise – statt „Mitgefühl“, auch für sich selbst. Diese emotionale Grundhaltung kann sich laut Sven Rohde über viele Generationen weitervererben. Das Leben wird belastet durch Muster, die für Eltern oder Großeltern Selbstschutz waren. Zur Last des Erbes hinzukommt: Kinder fühlen die Spannungen und suchen die Ursache – gefühlt die Schuld – fatalerweise meist bei sich selbst.

Auswirkungen im Alltag

Auch in konkreten Situationen können Gefühlserbschaften uns unbewusst leiten. Sven Rohde erzählt Beispiele: „Ein Mann ist vor Zugreisen extrem nervös und stets viel zu früh am Bahnhof. Denken Sie an den letzten Zug, der von der Front in die Heimat zurückfährt: Besser, man ist zeitig da und verpasst ihn nicht! Eine Frau ist vor Urlaubsreisen mit dem Packen ihres Koffers komplett überfordert. Die Situation kann mit Fluchterfahrungen ihrer Eltern oder Großeltern verknüpft sein: Was nehme ich mit? Was muss zurückbleiben?“

Befreiung für unbelastete Selbstbestimmung

Sven Rohde zeigt auf, dass Gefühlserbschaften und die Prägung durch Glaubenssätze nicht irreversibel sind: „Wir können uns von ihnen lösen und frei werden für das eigene Leben. Was wir brauchen, ist zum einen der Wunsch danach und zum anderen die Bereitschaft, uns dafür einzusetzen.“ Es gilt zu prüfen: Was habe ich als Kind von meinen Eltern übernommen? Was habe ich selbst erlebt? Dafür kann eine lange Suche in der Familiengeschichte notwendig sein, ein Forschen nach Geheimnissen und Tabus.

Im Alter kann die Mauer des Verdrängens, die einst um die abgewehrte Trauer errichtet wurde, Risse bekommen. Wenn wir bei Gästen und ihren Angehörigen Unausgesprochenes spüren, laden wir behutsam ein, darüber zu sprechen – über das, was zeitlebens unsagbar schien. Bereits Fragen wie: „Mögen Sie mir über Ihren Heimatort erzählen?“, „Welche Unterschiede sehen Sie zwischen heute und der Zeit, in der Sie Kind waren?“ können anregen, sich zu öffnen. Für unsere Gäste können diese Gespräche Erleichterung geben. Für ihre Kinder wichtige Hinweise dazu, warum ihre Eltern sind, wer sie sind. Und warum sie selbst sich mitunter in Verhaltensweisen und Gefühlen verstrickt meinen, die sich fremd anfühlen, die sie nicht loswerden können. Und die sie vielleicht in der Zukunft einmal für sich ergründen möchten.

Natürlich können auch kostbare Ressourcen weitergegeben werden: Stärke, Kreativität, Mut. Vielleicht mögen Sie einmal innehalten und den Blick richten auf das Beschwerende, von dem Sie sich lösen möchten, und auf das geerbte Positive, das Sie auf Ihrem Weg durch das Leben trägt.

„Schlimm ist es nicht, wenn wir Überstunden machen oder wenn unser Beruf sehr anstrengend ist“, so Bettina Orlando. „Schlimm ist es, wenn wir das Gefühl haben, einem Gast und seinen Angehörigen nicht gerecht werden zu können.“ Ihr Team und sie erleben bei Familien immer wieder, dass alle bemüht sind, aber mit dem Rücken zum Gast zu stehen scheinen. Über Sven Rohde haben sie das Thema der Gefühlserbschaften kennengelernt. „Durch seine Erläuterungen und Erfahrungen ist uns vieles klar geworden. Gemeinsam mit ihm haben wir Wege entwickelt, mit denen uns der Zugang zu diesen Gästen und ihren Familien leichter fällt.“

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